Kabooom – Es war mehr als nur ein Bauchgefühl

Die Maschine stürzt ab. Soviel steht fest. Und jeder, der hier noch einen klaren Gedanken fassen kann, weiß das auch. Aber klare Gedanken sind wohl gerade etwas zuviel verlangt. Auf 23 C sitzt Stefan. Ein begnadeter Texter, dem die Worte nicht viel Geld einbringen, aber immerhin eine Menge Fans auf Twitter und eine vielbeachtete Seite auf Facebook. Deshalb hat Stefan das Ticket für diesen Flug auch nicht selbst bezahlt. Sondern der Verlag mit dem vielen Geld, das bald schon alle sein, wenn nicht schnell jemand eine Idee entwickeln würde. Lisa hatte eine Idee. Eine sehr innovative, wie die Geschäftsführung befand, was daran lag, dass Lisa die Worte ‚Twitter‘, ‚Facebook‘ und ‚Talents‘ auf den Folien ihrer Präsentation fett markiert hatte.  Ein Link zu Stefans Seite war auch darin und deshalb sitzt er nun in dieser Maschine, die eigentlich nach Zürich fliegen sollte und stattdessen in die Tiefe stürzt. Bis vor zwei Minuten war Stefan noch randvoll mit Vorfreude gewesen. Auf das Geld und Lisas Schenkel, die sich ganz sicher wie Ali Babas Schatzkammer mit den richten Worten würden öffnen lassen. Von da an ging es bergab.  Eine Millisekunde lang muss Stefan über die Doppeldeutigkeit dieses Satzes, der gar nicht seiner ist, lächeln. Dann teilt sich sein Körper. Und während Stefans Mageninhalt mit dem Tempo der abstürzenden Maschine nicht ganz Schritt halten kann, textet sein Gehirn ganz automatisch den ersten Satz zum potentiellen Tweet: „Es war mehr als nur ein Bauchgefühl.“ Zwei Reihen hinter Stefan krallen sich Peters Hände in Svenjas Schultern. Um Halt flehend. Um Antwort bettelnd. „Ich liebe Dich!“, brüllt Peter in Svenjas Gesicht und Svenja hätte gern ein bisschen mehr Zeit, um über die Antwort auf die Frage nachzudenken, die ihr Therapeut ihr wohl morgen stellen würde, wenn sie da nicht längst tot wäre: „Svenja, was macht Dir mehr Angst: Peters Geständnis oder der Flugzeugabsturz?“ Aber Zeit ist gerade knapp und die Fingernägel, die sich in ihre Schultern bohren, erzeugen kleine brennende Punkte auf ihrer Haut und gehören  eigentlich ihrem Chef, was angesichts der Umstände egal sein könnte. Und trotzdem fragt sich Svenja für einen kurzen Moment, ob das mit den Führungsrichtlinien ihres Arbeitgebers konform geht. Während Peter weiter von Liebe brüllt und versucht aus Svenjas Körper eine Antwort herauszuschütteln. Als der erste Spucketropfen Svenjas Nase berührt, sagt sie schließlich: „Ich Dich auch.“ Und warum auch nicht? Schließlich hat Svenja früher auch immer brav mit dem Kopf genickt, wenn Onkel Wolfgang fragte, ob sie ihn denn so lieb habe, wie er sie. Es ist Sandras erster Flug als Stewardess. Und ihr letzter. Nun denn. Sandra weiß, dass die Tische jetzt hochgeklappt sein müssen. Der alte Mann auf 17F scheint das nicht zu wissen. Auch nicht, dass dem Personal jetzt unbedingt Folge zu leisten ist. Und so rüttelt Sandra panisch und verzweifelt an seinem Tisch, versucht seine Hände zu lösen, nachdem alles Reden und Bitten zu nichts als Kopfschütteln führte. Die Tische müssen hochgeklappt sein! Das muss so sein. So wie die Beziehung zu Michael. Die gemeinsamen Urlaube und Hobbys. Die gemeinsame Wohnung und die noch ausstehende Verlobung. Und Petra ist nur eine Freundin. Das muss so sein. Das muss alles so sein. Und die Tische müssen hochgeklappt sein! Verdammt noch mal! Und dann entdeckt Sandra den feuchten Fleck auf der Hose des alten Mannes. Und dass sein Nein kein Nein, sondern ein Bitte ist. Sie löst ihre Hände und geht. Lässt alles hinter sich und die Dinge wie sie sind. Zum ersten Mal. Zum letzten Mal. In der Business Class sitzt nur Elisabeth. Was sie gerade sehr zufrieden macht. So bleibt sie wenigstens verschont von den herumfliegenden Bitten und Konjunktiv-II-Konstruktionen. Von den Sie’s, die ihre Plätze für die plötzlich auftauchenden Du’s räumen. Von all den Tränen und Schreien, die Anstand und Würde aus der Maschine geschupst haben. So ist aus den verschwenderischen Mehrkosten für die höhere Klasse am Ende doch noch eine sinnvolle Investition geworden. Auch das macht sie zufrieden. Und dennoch blickt Elisabeth ein wenig mit Sorge in die Zukunft. Wer wird sich um die Kostenerstattung für das Rückflugticket ihrer Assistentin, die irgendwo weiter hinten in der Maschine sitzt, kümmern? Ihre Assistentin ja wohl nicht. Und an wen könnten die Kosten erstattet werden? Es ärgert Elisabeth zunehmend, dass sie für alles vorgesorgt hat, nur nicht hierfür. Noch ärgerlicherer ist, dass Elisabeth vor einigen Tagen die Überweisung von 3.500 Franken angewiesen hat. 3.500 Franken für einen ruhigen, entspannten Tod. Und nun das. Gab es auch fürs Sterben Reiserücktrittsversicherungen? Und wenn ja, hatte ihre Assistentin eine abgeschlossen? Einer könnte alles ändern: Paul. Aber Paul sitzt im Cockpit und weint. Schnieft und überheult die Rufe seines Co-Piloten, die hektischen Fragen der Bodenkontrolle und all das Fiepen und Kreischen der Instrumente. Seit das Flugzeug seinem Namen nicht mehr gerecht wird, blickt Paul aus den Augen seines fünfjährigen Ichs auf die Dinge, die in den letzten 30 Jahren passiert sind. Er sieht die Hand seiner Oma, die die seine festumklammert und erst wieder loslassen wird, wenn er sie selbst um zwei Köpfe überragt. Er sieht ein Flugzeug und hört sich fragen: „Oma? Ist da Mama drin?“ Und Oma antwortet wie so oft: „Ja. Da ist Mama drin. Sie fliegt nach Frankfurt.“ „Wann kommt sie wieder?“ „Sie kommt bald wieder und bringt Dir ein schönes Geschenk mit.“ Und dann kam der Tag, an dem Oma alle Floskeln und Rituale vergaß und antwortete: „Nein, Schatz. Mama wird nicht mehr zurückkommen. Sie ist jetzt im Himmel.“ Paul erinnert sich, wie sich alle um ihn kümmerten und trotzdem vergaßen mit ihm zu reden. Wie aus „ist im Himmel“ „bleibt im Himmel“ wurde und daraus der Wunsch Pilot zu werden. Der Wunsch, der wie Paul selbst immer größer wurde, während die andern Jungs ihre Träume von der Fussballerkarriere oder einer Reise zum Mond irgendwann hinter sich ließen. Paul vergaß einfach nur das Warum und wünschte weiter. Oma war so stolz. Tausende Male ist Paul in den Himmel geflogen. Doch nie war er seiner Mama näher als in diesem Moment. Als er schon längst nicht mehr im Himmel ist. Schade um die Ironie. Hinter der geschlossenen Tür in Pauls Rücken sitzt Javid. Froh um den Vorhang, der ihn von der Kabine und seiner Verantwortung trennt. Froh um den Sitzgurt, der sich in seinen Unterleib schneidet und ihm so wenigstens beide Hände lässt. Eine für den Ohrring in seiner Hosentasche. Und eine für das Bordmikrofon. Dort hinein brüllt Javid, was seine Ausbilder für den Fall der Fälle, der jetzt eingetreten ist, in seinem Kopf hinterlegt haben. Spult zurück und beginnt von vorn. Und brüllt und brüllt. So laut er kann. Javid kann eigentlich nicht gut schreien. Nicht so gut wie Anoush, die deshalb im Gefängnis sitzt und die morgen wie Javid vergessen sein wird. Blut sickert in Javids Hosentasche. Nur ein Tropfen. Vom Stecker des Ohrrings. Nichts im Vergleich zu dem, was schon vor seinen Augen vergossen wurde. Anoush und Javid, die letzten in ihrer Linie. Anoush, die immer laut geschrien hat, und Javid, der schwieg und floh. Den Anoush trotzdem nie einen Feigling nannte. Ihm stattdessen ihren Ohrring schenkte und ihm sagte, er solle die Lieder der Fremden lernen, weil es das einfacher machen würde. Javid hört auf zu schreien. Erinnert ein letztes Mal an Anoush. Singt ins Mikrofon für alle, die ihn nicht hören, das erste Lied der Fremden, das er gelernt hat. Guten Abend, gut‘ Nacht, mit Rosen bedacht, mit Näglein besteckt, schlupf unter die Deck‘. Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt. Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt. Das Flugzeug zerschellt in dem Moment, als die Ersten im Rausch der sich dehnenden Zeit anfangen zu glauben, es würde niemals passieren. Bevor die Stille als Vorbote zur Ewigkeit die brennenden Einzelteile des Wracks zu einem Ganzen einschließt, formuliert Stefans Gehirn den letzten potentiellen Tweet: „Die Hoffnung stirbt zuletzt. Auf welchem Sitz sie wohl gesessen hat?“

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2 Gedanken zu “Kabooom – Es war mehr als nur ein Bauchgefühl

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