Swinefeewer, Swinefeeeeewer…

Vorbemerkung: Eine Glosse, entstanden im Mai 2009. Und wenn der Leser nicht gerade eine Bild-Zeitung aus dieser Zeit zur Hand hat, wird er wohl vieles nicht mehr verstehen, weil die meisten Bezüge schon damals so irrelevant und banal waren, dass sie in kaum einem Gedächtnis Halt gefunden haben. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Also machen wir einfach ein Gewinnspiel draus: Zähl die Witze, die heute keine Sau mehr versteht!

Mein Schreibtisch sieht aus, als hätten die Kölner Verkehrsbetriebe versucht einen U-Bahn-Tunnel darunter zu bauen. Ganz ähnlich verhält es sich mit meinem Email-Postfach, das voller ist als David Hasselhoff, wenn er den Anrufbeantworter seiner Ex-Frau zutextet. Mein Kalender öffnet sich erst gar nicht, statt dessen sagt mir meine Assistentin: „Trink nicht so viel Kaffee! Du kannst frühestens um drei mal kurz aufs Klo!“ Aha. Danke. Aber bis zum Startschuss sind es noch zehn Minuten und auf meine Assistentin höre ich sowieso nicht. Also versuche ich meiner Autorität durch ein knallhartes „Du bist nicht meine Mutti!“ Ausdruck zu verleihen, trinke meinen Kaffee und stöbere ein bisschen durchs Intranet. Top-Story: Eine Zusammenfassung der jüngsten Ereignisse im Zusammenhang mit der Schweinegrippe. Ich bin zu Tränen gerührt von der Fürsorglichkeit meines Arbeitgebers. Zwar ist mir nicht ganz klar, für wen diese Zusammenfassung eigentlich sein soll, aber kann ja wirklich sein, dass ein Mitarbeiter von uns gerade von einer arktischen Expedition zurückgekehrt ist oder vielleicht in den letzten Wochen im Koma gelegen hat. Das ist zugegeben ähnlich pragmatisch wie der Umgang der Ägypter mit dem Thema. Ich bin nicht stolz eine Deutsche zu sein, aber nach solchen Meldungen einfach verdammt froh. Und irgendwie auch dankbar. Es hätte ja auch Blondinen- oder Juden-Grippe heißen können.

Ding-Dong. Neue Mail. Betreffzeile: „Swine fever: Update recommendations regarding international travel“. Thanks a lot, aber jetzt ist Schluss! Ich habe kurz den Impuls zu antworten. „Ihr blöden Pisser! Ich wasche meine Hände nicht nur in Unschuld wie ihr, sondern ab und zu auch mit Seife. Lasst mich endlich mit dem Scheiß in Ruhe!“ Aber dann fällt mir auf, dass das im Englischen nicht so schön rüber kommt und lese stattdessen mal lieber die Zeitung.

Hoppla! Die Annemarie, Deutschlands aktueller „Ups, ich habe gar nicht gemerkt, dass mir meine Brüste rausgefallen sind und ein Bild-Zeitungs-Fotograf dabei war“-Prototyp, fordert also eine Wiederholung vom DSDS-Halbfinale, weil statt ihrer Telefonnummer die von „Schatzimausi, ick bin wirklich nich schwul“-Daniel genannt wurde. „Sogar meine Oma hat irrtümlich unter der 03 für Daniel angerufen“, heult das kleine Annemariechen in die Diktiergeräte der Journalisten und ich könnte verstehen, wenn sie die alte Schachtel zur Strafe dafür ins Altenheim stecken würde. RTL sieht das alles ganz gelassen. Der Fehler habe keinen Einfluss auf das Ergebnis. Die Sprecherin des Senders erklärt: Selbst falls Annemarie die für Daniel Schumacher abgegebenen Stimmen zugeschlagen würden, läge sie immer noch auf dem dritten und letzten Platz. Aha?! Die Frau Pressesprecherin kommt jetzt mal schön nach vorne an die Tafel und weist uns mathematisch nach, wie der Daniel, mit seinen an Annemarie abgetretenen Stimmen, noch auf Platz zwei landen kann?! Aber Presssprecher fressen eben einfach nur Kreide, statt wirklich was zu erklären und ich weiß nun: Keine Schweinegrippe in Köln – dafür aber Rinderwahn!
Zurück zum Thema. Mein Arbeitgeber möchte, dass ich mir regelmäßig die Hände wasche, meine Regierung will das auch und es scheint tatsächlich ein ernstes Problem zu sein. So blieb die Schweiz beispielsweise nach Abschluss der Expo 2002 auf einem Vorrat von 2 Tonnen(!) Seife sitzen, weil man zwar die Anzahl der Besucher und durchschnittlichen Toilettenbesuche korrekt berechnet, allerdings vergessen hatte, dass nicht jeder Toilettenbesucher sich auch die Hände wäscht. Und lange vor der Erfindung des Wortes „Schweinegrippe“ stolperte ich beim allseits beliebten Ratespiel „Für welchen Scheiß wird hier eigentlich geworben?“ über einen Spot der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, der tatsächlich das Händewaschen anpries, und verlor haushoch.

Die Lage ist ernst und wer die Debatten und Aktionen rund ums Thema ‚Rauchen‘ in den letzten Jahren verfolgt hat, kann sich ausmalen, was uns in den nächsten Monaten bevor steht. Der harmlose Beginn sind Warnhinweise auf Seifenschachteln vom EU-Gesundheitsminister: „Unterlassenes Händewaschen kann zur Keulung in Ägypten führen.“ Das EU-Parlament wird noch Monate später darüber debattieren, ob statt der Sprüche nicht doch besser Bilder von Rotze ausstoßenden Nasen auf die Schachteln zu drucken sind. Die Bravo veranstaltet ganz im Sinne ihrer sozialen Verantwortung vor dem Brandenburger Tor ein Benefiz-Konzert „Gemeinsam gegen Viren“, was unschöner Weise als „Gemeinsam gegen Vieren“ angekündigt wird und daher besucherlos bleibt, weil die Teenies es für eine Werbeveranstaltung der Nachhilfelehrer-Vereinigung halten. Unerschrocken stehen Scooter dennoch auf der Bühne und untermalt von einem knallharten Techno-Beat brüllt H.P. Baxxter „Vor dem Essen, nach dem Essen – Hände waschen nicht vergessen! Move your Ass!“ den gelangweilten Tontechnikern ins Gesicht. Ein leicht bekleideter Damenchor mit attraktivem Mundschutz, den man mittlerweile auch als farbenfrohen Fan-Artikel wahlweise im Miss Piggy- oder Sido-Style im Jamba-Spar-Abo erhalten kann, trällert den Refrain vom Number-One-Hit-Bee-Gees-Cover-Song: „Swine Fever, Swine Fever. We know how to wash it!“ Vom Misserfolg der Aktion lässt sich die Schirmherrin und Frau mit der Nasenscheidewandverkrümmung allerdings nicht beeindrucken. Arbeitslose mit Waschzwang werden in einem Sonder-ABM-Programm der Bundesregierung zu Trainern ausgebildet, die wahlweise Vorträge in Schulen halten oder Seminare in den nach der Wirtschaftskrise noch übrig gebliebenen Unternehmen geben. Kids, die den ultimativen Kick suchen, tummeln sich zwischenzeitlich auf dem neusten Party-Trend: Flatrate-Fressen. Mit den Händen! Ohne Gummihandschuhe und ohne Waschen. Aber das wird natürlich sofort verboten, nachdem die Bild-Zeitung von der 13jährigen Susi berichtet, die im Rausch der Nacht auf einer solchen Party an einer Klobrille leckte und nun mit ganz fiesem Mundgonorrhoe im Krankenhaus liegt. „Aber wenigstens keine Schweinegrippe.“, stellen die Eltern von Susi erleichtert fest. Stimmt. Es hätte alles viel viel schlimmer kommen können.

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