Morgen nicht mehr

Pierre inhaliert die von Putzmitteln geschwängerte Luft, die ihn immer an Ferienlager erinnert. Hier auf dem Arbeitsamt hatten sie wohl DDR-Restbestände an Reinigungsmitteln aufgekauft, die auch nach mehr als 20 Jahren nicht alle werden wollten.

Pierre heißt eigentlich Gerd und es hatte eine Zeit gegeben, da war selbst dieser wesentlich mehr wert, als die Pixel, die seine Sachbearbeiterin nun bei der Eingabe desselben in irgendwelche Datenbanken verschwendete. Damals hatte er sich einen Namen gemacht. Im wortwörtlichen wie im übertragenden Sinne. Er hatte seine Ausbildung an der „Staatlichen Hochschule für Protagonisten & Antagonisten“ in Rostock mit Auszeichnung absolviert, war nach Berlin gezogen und hatte größere Nebenfiguren in Romanen des Aufbau-Verlags übernommen. Kurz vor der Wende, im sogenannten „heißen Sommer“, bot man ihm seinen ersten Protagonisten an. Das Buch wurde ein voller Erfolg.

„Wir sind uns darüber einig, dass ich eigentlich nichts für Sie tun kann?“, hatte Frau Delenhorst bei ihrem ersten Termin mehr gesagt als gefragt. Pierre hatte schweigend genickt, weil er nichts anderes erwartet hatte und weil er wie sie wusste, dass dieser Termin und all die anderen, die noch folgen sollten, ebenso verpflichtend wie sinnlos waren. „Die Situation für arbeitslose Romanhelden ist nicht gerade rosig“, fügte sie vorsichtig hinzu. Das betroffene Gesicht, das sie dabei formte, war gar nicht mal schlecht. „Sie hätte Talent“, war der flüchtige Gedanke, den er ziehen ließ, ohne ihn genauer zu betrachten. Pierre nickte nur mit den Augenlidern und fügte ein zaghaftes Lächeln hinzu. Für beide das Zeichen, dass sie sich den Vortrag, der nun eigentlich planmäßig folgen müsste, sparen konnte.

Nach der Wende war Pierre noch für einige größere Projekte besetzt worden und dann und wann kam es sogar vor, dass ihm Leser schrieben, sie hätten ein Buch nur deshalb gelesen, weil sie wussten, dass er die Hauptfigur erarbeitet hatte. Es gab auch Schriftsteller, die explizit nach ihm verlangten, was ihm gegenüber den Verlagen plötzlich das Recht einräumte, über seine Gage wirklich zu verhandeln. Es lief gut für ihn. Bis die eigentliche Wende kam.

Ende der 90iger begann es wohl. Vielleicht ging es auch schon früher los und er hatte es einfach nur nicht sehen wollen. Mehr und mehr Romanhelden ohne wirkliche Ausbildung überschwemmten den Markt und boten ihre Tätigkeiten zu Dumping-Preisen an. Plötzlich gab es private Schulen, die in fünftägigen Intensivseminaren eine Ausbildung zur Romanfigur anboten. Eine Ausbildung in fünf Tagen! Pierre hatte nur gelacht. Wie seine ehemaligen Kommilitonen. Hätten sie gewusst, was sie heute wussten, statt des Lachens wäre der Rotwein hustend aus ihren Mündern gespritzt. Den Verlagen war dies in einer Zeit, in der die Buchverkäufe rückläufig waren, nur recht. Weniger Gage für Romanhelden bedeutete mehr Geld fürs Marketing. Es gab einzelne Schriftsteller, die den Verfall der Qualität, mal öffentlich, mal hinter vorgehaltener Hand, anprangerten. Die guten unter ihnen verzweifelten, wenn sie für ihre unerfahrenen Figuren Sätze wie „Er war nervös.“ statt „Er kaute auf seinen Fingernägeln und rutschte auf seinem Sitz hin und her.“ schreiben mussten. Den Verlagen war es egal. Den Lesern auch. Hauptsache ein guter Plot, der sich vermarkten lies. Und es war schlimmer geworden. Natürlich gab es auch heute noch die ganz Großen in seinem Fach. Die, die für exorbitante Gagen arbeiten konnten und gleichzeitig der Garant für einen Bestseller waren. Aber zu diesem Kreis hatte Pierre nie gehört und würde es auch nie. Er gehörte zum guten, soliden Mittelfeld, das nun von Möchtegern-Romanfiguren zerpflügt wurde.

Ein Gong ertönt und die LED-Anzeige, die unter der Decke befestigt ist, mahnt zum Aufstehen. Der Romanheld, der nur noch eine Nummer ist, erhebt sich seufzend und geht in das Großraumbüro mit den durch mannshohe Pappwände abgetrennten Arbeitsplätzen.

Frau Delenhorst lächelt als sie ihn erblickt. Das ist ungewöhnlich. Wenn er es sich recht überlegt, hat sie noch nie gelächelt. Doch der betrübter Blick, der ihm sonst immer sagt „An meinem Tisch gibt es kein Happy End“, ist heute verschwunden. „Es gibt wunderbare Neuigkeiten, Herr Trude“, sagt sie noch bevor er sich setzen kann. Pierre schweigt. Er hat heute noch nicht mal mehr die Kraft die Augenbraue zu heben, als Einladung für Frau Delenhorst fortzufahren. Doch sie scheint keine Einladung zu benötigen. „Das Ministerium für Arbeit und Soziales und das Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend werden zusammengelegt. Und Ursula von der Leyen wird neue Superministerin. Quasi Ministerin für alles – außer Geld und Krieg.“ Frau Delenhorst kichert. Pierre nicht. Er fragt sich, warum es eigentlich ein Ministerium für Frauen gibt und welcher Minister dann für die Männer zuständig ist.

„Herr Trude?“ Frau Delenhorst wirkt ein wenig enttäuscht, weil er so gar nicht in ihre Polonaisen-Stimmung einsteigen will. Pierre hebt fragend eine Augenbraue. Nur für sie. Er mag Frau Delenhorst und es liegt ihm fern, sie auflaufen zu lassen.

„Herr Trude, das ist gut. Für Sie und für mich. Es gibt schon ein erstes großes Projekt, das aus der Fusion hervorgeht. Und Frau von der Leyen selbst ist die Schirmherrin. Sie wird Kurzgeschichten für Jugendliche schreiben.“ Frau Delenhorst schweigt kurz. Vielleicht um ein lautes, mit schwungvoll ausgebreiteten Armen ausgerufenes „Taaddaaa!“ zu unterdrücken. Pierre gibt sich ebenso viel Mühe den aufsteigenden Seufzer wieder hinunter zu schlucken und hebt stattdessen erneut die Augenbraue. Mehr ist heute einfach nicht drin. „Also. In den Kurzgeschichten geht es natürlich um sozial relevante Themen. Drogen und so. Und die werden dann kostenlos an Schulen verteilt…. also die Geschichten … nicht die Drogen.“ Pierre belohnt den Witz mit angehobenen Mundwinkeln. „Aber das allerbeste ist…“ – Sie machte eine bedeutungsschwere Pause: „Die Figuren sollen ausschließlich mit arbeitsuchenden Romanhelden besetzt werden. Ist das nicht großartig?“ Sie wartet auf den Applaus, der nicht einsetzen will. „Und wenn Sie jetzt anrufen, erhalten Sie nicht eine, nicht zwei, sondern gleich drei Rollen, in einer beschissen geschriebenen aber dafür moralisch wertvollen Kurzgeschichte angeboten“, ergänzt Pierre stumm die Ansprache seiner Sachbearbeiterin.

„Herr Trude!“, hebt Frau Delenhorst erneut an – nunmehr ganz im Ton einer Oberschwester. „Sie müssen nur diesen Antrag bis zum nächsten Mal ausfüllen und dann haben Sie wirklich gute Chancen auf eine Stelle. Und wer weiß? Vielleicht schreibt Frau von der Leyen ja auch Fortsetzungsgeschichten, wo Sie immer wieder mitspielen können? Und Sie können sich damit Ihr ALGII ein wenig aufbessern und sich vielleicht mal was Hübsches kaufen. Und Sie leisten einen gesellschaftlich wertvollen Beitrag. Das war Ihnen doch immer so wichtig.“ Pierre sucht in seinem Gedächtnis nach dem Termin, bei dem sie darüber gesprochen hatten, was ihm wichtig war. Er findet ihn nicht.

„Na? Was sagen Sie?“, holte Frau Delenhorst ihn aus seinen Gedanken zurück in das neonbeleuchtete Großraumbüro. Er hätte jetzt all seine Fähigkeiten einsetzen können und das tun, was er seit Jahren schon nicht mehr tun konnte. Nur für sie himmelhochjauchzend und voller Zuversicht mimen. Warum sollte nicht wenigstens einer mit guter Laune und Hoffnung aus diesem Termin gehen? Aber ihm fehlt die Kraft. Während er den Antrag in seine Ledertasche schiebt, formulierte er die Worte, die nicht zu seiner Stimme und Mimik passen wollen: „Das ist wirklich großartig, Frau Delenhorst. Vielen Dank.“ Da war Ironie. Ganz plötzlich war sie aufgetaucht, ohne dass er es gewollt hatte. Doch bevor sie den Verstand seiner Sachbearbeiterin erreichen kann, wird sie auch schon von der Klimaanlage aus dem Raum gepustet. Hinter ihr fliegt der Ärger von Pierre, der weiß, dass er es eigentlich besser kann und sich nicht wie diese Dilettanten von plötzlich aufkommenden Stimmungen überraschen lassen muss. Dann sind beide verschwunden. Die Ironie und der Ärger. Pierre erhebt sich. „Vielen Dank noch mal.“ Er reicht Frau Delenhorst die Hand. „Ach, nichts zu danken. Ich wusste doch immer, dass wir beide das schaffen. Bis zum nächsten Mal!“

Pierre denkt noch bis zur Haltestelle über die neue, veränderte Frau Delenhorst nach. Dann steigt er in den Bus und lässt die Gedanken an sie draußen stehen. Er hatte sich einen Namen gemacht. Damals. Im wahrsten wie im übertragenden Sinne. Doch dieser Name, dieser Pierre Chateau, existierte nicht mehr. Im wahrsten wie im übertragenden Sinne. Er ist wieder Gerd Trude. Arbeitssuchender Romanheld mit langjähriger Berufserfahrung. Doch vielleicht würden sich ja einige Leser an Pierre erinnern. Vielleicht würden morgen wenigstens ein paar wenige „R.I.P.“ und seinen alten Namen auf Facebook posten.

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