Fernsehen macht doof

Wenn man in der Krabbelgruppe mal seine Ruhe haben will und das Bedürfnis nach Ausgrenzung verspürt, bedarf es eigentlich bloß eines Satzes: „Ja, mein Kind darf Fernsehen gucken.“ Und mein Kind darf es tatsächlich. Nicht heute. Aber bald. Ganz bestimmt.

Neulich… na gut ’neulich‘ stimmt nicht so ganz, aber ich hab neulich diesen Text hier wiedergefunden. Also. Neulich hing im Kindergarten meiner Tochter ein großer Zettel, auf dem Eltern ihre Wünsche für den neuen Medienraum eintragen sollten. „Kurzfilmprojekt“ war da bereits am nächsten Tag zu lesen und in der Spalte „Was soll es auf keinen Fall geben?“ stand in großen fetten Buchstaben „BITTE KEINEN FERNSEHER!“. Es scheint Eltern zu geben, die für solch einen Zweck immer einen roten Edding mit sich führen. Der Erzeuger meiner Brut, der bis heute nicht verstanden hat, dass ein Kindergarten kein Ort für sachliche Diskussionen ist, fühlte sich sofort bemüßigt unter den Kurzfilm-Vorschlag zu schreiben: „Tja schade, dass unsere Kinder ihren Film niemals sehen können. Es gibt ja keinen Fernseher“. Daraufhin entbrannte am Schwarzen Brett eine Debatte, die der Leiterin nur zwei Möglichkeiten ließ: Einberufen der KFOR-Truppen oder Zettel wieder abnehmen. Sie entschied sich für letzteres.

Es bleibt die Frage, warum selbst in einem Kindergarten, in dem die Hälfte aller Kinder von Medienmachern abstammt, Fernsehen als dämonisches Hexenwerk angesehen wird. Fragt man Eltern zum präferierten Medium in der eigenen Erziehungsarbeit steht unangefochten auf Platz 1: Das Buch. Klar. Ich liebe Bücher. Meine Tochter übrigens auch. Vor allem die Schutzumschläge, die sie hochkonzentriert vom Inhalt trennt und anschließend zu kleinen Stückchen verarbeitet, die man dann wunderbar als Snack zwischendurch verspeisen kann. Und selbstverständlich zeige ich meiner Tochter jeden Tag, dass man mit Büchern auch noch andere tolle Dinge anstellen kann. Es gibt unendlich viele Bücher, die mein Kind hoffentlich irgendwann lesen wird. Es gibt aber auch Bücher, deren Autoren die Intelligenz von einem Sack Badewannenstöpsel aufweisen und die mein Kind hoffentlich dort hinlegen wird, wo sie hingehören: Auf den Müll. Der schwule Patenonkel meines Kindes schenkte uns zur Geburt desselbigen beispielsweise ein Buch mit dem Titel „A parent‘s guide to preventing homosexuality“. Onkel Kilian meinte das als Scherz. Der Autor meinte es ernst. Und trotzdem werde ich angesichts solcher Bücher meinem Kind nicht den Zugang zum gedruckten Medium verweigern. Und ich glaube kaum, dass irgendeine Mutter oder ein Vater da draußen auf diese Idee käme. Beim Fernsehen verhält es sich scheinbar anders. Eine schlechte Sendung – wobei noch zu klären wäre, was schlecht heißt – und ein ganzes Medium wird verteufelt. Dabei kann Fernsehen so großartig und lehrreich sein. Ich weiß von McGyver, dass der Einschlagswinkel gleich dem  Ausschlagswinkel ist. Quincy hat mich ernsthaft darüber nachdenken lassen, Gerichtsmedizin zu studieren. Und wenn Armin von der „Sendung mit der Maus“ mir nicht mit Hilfe von Lego-Steinen erklärt hätte, wie sich das mit dem Erdöl verhält, hätte ich meine Chemieklausur fürs Abi auf jeden Fall verhauen. Ich habe im Fernsehen Dinge und Orte gesehen, die ich mit den eigenen Augen niemals sehen werde. Ich habe Menschen kennengelernt, von deren Existenz ich ohne das Fernsehen bis heute nichts wissen würde. Ich habe auch viel Schrott und Trash gesehen. Geschadet hat es mir nicht. Lustig war es immer. Aber vor allem hat mich das Fernsehen oft und gut unterhalten. Es gibt einfach Tage, da gibt es nichts Schöneres als mit einer Packung Schokoeis und einer Packung Taschentücher mit Meredith Grey zu heulen … bis der Arzt kommt. Warum sollte ich meiner Tochter verheimlichen, dass es so etwas gibt? Ich will ganz sicher kein Kind, das aus der Schule kommt und den Rest des Tages vor der Glotze hängt. Ich will auch kein Kind, das alles glaubt, was es im Fernsehen sieht. Ich werde ihr (hoffentlich) kritische Augen und Ohren mit auf den Weg geben. Fürs Fernsehen. Für Bücher. Für Zeitungen, Zeitschriften, das Radio und das Internet. Genauso, wie es meine Mutter getan hat. Die hat übrigens während ihrer Schwangerschaft und dem Sendestart von Dallas in einer bekannten TV-Zeitschrift gelesen, dass Serien wie Dallas abhängig machen und sich diese Sucht bereits auf das ungeborene Leben übertragen kann. Vielleicht ist das auch einfach die Erklärung für alles. 😉

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