Schutzraum für Ideen

Wenn mehr Kreativität und Innovation gefordert sind, braucht es auch eine Kultur und Sprache, die das zulassen. 

Neulich sitze ich mit einem Kollegen beim Mittagessen und höre ihn zwischen zwei Salatblättern folgenden Satz sagen: „Deine Idee mit dem Dingsbums finde ich übrigens blöd.“ Woraufhin ich ihm, bemüht mein Käsebrötchen im Mund zu behalten, prompt entgegen spucke: „Du, wenn Du eh alles besser weißt, dann mach den Scheiß doch selbst!“ Und was war mit der Idee? Die war am Ende doch gar nicht so blöd. Der Einwand des Kollegen übrigens auch nicht und er floss nach einer Stunde Beruhigungs-Yoga sogar in die Weiterentwicklung meiner Gedanken mit ein. Happy End für die Idee. Aber oftmals enden Gespräche über eine Idee mit dem Tod der selben.  Wie oft verwerfen wir einen Geistesblitz, weil uns das ‚Nein’ und das ‚Nee, das funktioniert nicht’ unseres Gegenübers viel zu früh stolpern lassen? Wer kennt nicht die Situation, wenn sich ein Konferenzraum plötzlich in ein Schlachtfeld verwandelt, man sich selbst in einem schlammigen Schützengraben wiederfindet und dabei zusehen muss, wie die eigenen Ideen und Gedanken im Stacheldraht hängenbleiben und kläglich krepieren. Das Bild mag überzogen sein. Denn es braucht nicht unbedingt einen cholerischen, brüllenden Chef, um Ideen zu töten. Wir alle tun es jeden Tag. Mit einem vorzeitigen ‚Ja, aber…‘ oder einfach nur einem Gesicht, dem wir eine tief zweifelnde Miene auflegen. Wir hindern Ideen daran sich weiterzuentwickeln, weil wir zu schnell Urteile fällen. Urteile, die semantisch gesehen keine Urteile sind – sondern Vorurteile.

Die Schnelllebigkeit unserer Epoche und die Monetarisierung der Zeit als solche zwingen uns dazu, schnelle Urteile zu treffen und Entscheidungen zu fällen. In jeder Krise, ob groß oder klein, ist das gut. Aber weil heutzutage irgendwie alles eine Krise ist und die Bedeutungsschwere einer Herztransplantation erhält, weil Zeit Geld ist und wir eh keine Zeit haben und ergo auch kein Geld, tendieren wir dazu, uns auch in vermeintlich normalen Situationen wie Krisenmanager zu verhalten. Schnell schnell! Schnell beurteilen, schnell entscheiden und weiter gehts. Damit Ideen die Chance haben sich zu entwicklen, müssen wir uns dieses Verhaltens bewusst werden und es da, wo Ideen entstehen, auch ablegen. Wir brauchen eine Sprache und Kultur, die die Gedanken unseres Gegenübers nicht sofort negieren. Statt einem ‚Ja, aber‘ braucht es Anerkennung und Fragen. Es braucht einen sprachlichen Schutzraum für Ideen.

Wir bezeichnen unsere Ideen und Projekte gern als unsere Babys. Wenn wir in dieser Methapher bleiben: Wer hielte es für angemessen und höflich in den Kinderwagen eines Kollegen zu blicken und zu sagen: „Boah, deins ist aber hässlich und doof. Aus dem wird ja nie was!“? Und würden wir dem Urteil einer Hebamme oder eines Arztes vertrauen, die behaupten, sie können bei jedem Säugling vorhersagen, ob sich daraus ein Massenmörder oder Nobelpreisträger entwickelt? Nein? Warum gehen wir dann mit den Ideen anderer so um?

„Eine Idee ist wie ein Samenkorn“. Auch eine gern verwendete Metapher. Aus dem Samenkorn wird ein Keimling, der sich mit viel Pflege, Sonnenlicht und Wasser zu einer Pflanze entwickeln kann. Kann! Sofern nicht vorher jemand mit seinen Gummistiefeln drüberlatscht und den armen Keimling zerquetscht. Das Problem mit den Samen und Keimlingen ist nämlich, dass sie sich sehr ähneln. Nur wenige können den Keimling einer Brennesel von dem einer Eiche oder Rose unterscheiden. Bevor man das vermeintliche Unkraut also aus der Erde rupft, empfiehlt sich zumindest die genaue Betrachtung. Und wenn wir das nächste Mal die Idee eines Kollegen auf Anhieb nicht gut finden, dann sollten wir den Gedanken zulassen, dass vielleicht nicht die Idee doof ist, sondern wir die Idee einfach nur nicht verstehen und uns dafür Informationen oder eine entsprechende Perspektive fehlt.

Das ist nicht nur wichtig, wenn wir zu mehr Kreativität und Innovation gelangen wollen, sondern die Basis, um die wir uns kümmern müssen. Und zwar lange bevor wir über Seminare und Workshops zu diesem Thema nachdenken. Denn die Negierung der Gedanken unserer Gesprächspartner führt nicht nur zum Massen-Suizid von Ideen. Sie führt auch dazu, dass wir unsere eigenen Ideen übermäßig beschützen und isolieren, bevor wir sie der bösen, rauen Welt präsentieren. Anstatt sie mit Kollegen weiterzuentwickeln, sperren wir sie wie Rapunzel in einen Turm, damit ihnen bloss nichts geschieht. Wir werden zu Einzelkämpfern und umgehen das, was für die sinnvolle Beurteilung und Weiterentwicklung einer Idee schon im Frühstadium wichtig ist: Kollaboration. Auch dies kann zum sinnlosen Tod von Ideen führen. Niemand kann zählen, wie viele Ideen wir unserem stillen Kämmerlein wohl schon verworfen haben, die sich vielleicht durch die Fragen und Ideen anderer zu etwas Großem hätten entwicklen können.

Wenn wir also das nächste Mal an der Kaffeemaschine einen Kollegen treffen und er zu uns sagt: „Hey, mein Projekt ‚Superkleber‘ ist voll in die Hose gegangen. Das Zeug klebt zwar super auf allem, lässt sich aber auch ganz leicht wieder ablösen. Aber was hältst Du davon, wenn wir es einfach auf die Rückseite von kleinen gelben Zetteln schmieren und die verkaufen?“, dann sollten wir nicht unsere Stirn in Falten legen und ein abfälliges „Häh?“ brummen. Wir sollten uns jedes ‚Nein‘ und ‚Ja, aber‘ zugunsten von sinnvollen Fragen verkneifen. Wir sollten dem Gedanken des Anderen Raum und Zeit geben, sich zu entwicklen. Wir sollten Titeln und Hierarchien die Rolle, die sie heute noch spielen, einfach nehmen. Wir sollten weniger Energie damit verschwenden Recht zu haben und mehr Energie darauf verwenden gemeinsam Lösungen für Probleme zu entwicklen. Denn dann haben wir vielleicht die Chance an einer der genialsten Erfindungen in der Büromittel-Branche teilzuhaben. Zum Beispiel. Und hey, was haltet ihr eigentlich davon, einen Film über die Erfindung des Post-its zu machen? 😉

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4 Gedanken zu “Schutzraum für Ideen

  1. Die Geschichte und die Idee wie der Post-it zum Post-it wurde, ist schon inspirierend. Bei diesem Film-Projekt wäre ich sofort mitdabei. Ich stelle mich gerne für die Hauptrolle zur Verfügung, also die des Post-Its. Ich steh‘ nämlich drauf, vollgek(r)itzelt zu werden 😉

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